Moto Djali Jacke

„Mode kann zu strukturellen Veränderungen beitragen …“

Modethema im Gespräch mit Josefine Thom (MOB Industries) und Sonja Eismann

Bildpunkt: Sonja, du hast als Autorin viel zu Mode und Kunst publiziert. Zuletzt hast du mit Wie siehst Du denn aus? Warum es normal nicht gibt (Beltz Verlag, Weinheim 2020) ein Buch geschrieben, das sich vor allem an Mädchen wendet. Gab es einen bestimmten Anlass dafür, dieses Buch zu schreiben?

S.E.: Interessant, dass ihr das Buch in diesem Zusammenhang erwähnt, ich selbst hatte das immer eher von meinen modetheoretischen Überlegungen abgekoppelt gesehen, weil sich die ja an „Erwachsene“ richten, das Buch aber für Kinder ab 10 gedacht ist. Aber natürlich habt ihr damit auch Recht, denn die Frage nach dem Aussehen treibt uns alle als Modehandelnde ständig um, auch schon ganz kleine Kinder. Als neulich eine große Diskussion um einen Artikel in der FAZ entbrannt ist, in dem unterstellt wurde, frühzeitige ‚Indoktrination‘ mit dekonstruktiven Gendermodellen schon in der Kita „überfordere“ Kinder, musste ich gleich daran denken, wie heftig meine vierjährige Tochter von der alles durchdringenden Cishet- Normativität in der auf Kinder ausgerichteten Kulturindustrie bzw. Warenkultur indoktriniert ist. Sie möchte nur noch Kleidung tragen, die sie als extrem feminin wahrnimmt, also alles was rosa, glitzernd, rüschig etc. daherkommt, was scheinbar gesellschaftlich als völlig normal akzeptiert werden sollte. Auch wenn mich das natürlich oft nervt, weil es zudem nichts ist, was ihr in ihrem direkten Umfeld so vorgelebt würde, finde ich es schon auch lustig und in gewisser Weise innerhalb dieses Denksystems quasi subversiv, dass es bei ihr zu einer Art „Prinzessinnen-Feminismus“ führt, der darin gipfelt, dass sie alles weiblich Kodierte begehrt und alles Männliche ablehnt. Die Idee zum Buch kam mir aber, als meine ältere Tochter, die jetzt 11 ist, vor einer Weile berichtete, zwei Mädchen aus ihrer Klasse hätten sich in der Schulkantine darüber angeekelt gezeigt, dass ein erwachsener Mann unrasierte Achseln hatte, wobei ihnen darin von einer erwachsenen Katinenangestellten beigepflichtet wurde. Ich fand das einerseits interessant, dass sich strenge Körpermoden, die bis vor kurzem fast ausschließlich weibliche Subjekte unter Druck gesetzt hatten, jetzt selbstverständlich auch schon von ganz jungen Mädchen auf Männer ausgedehnt werden. Andererseits machte es mich aber auch nachdenklich, dass, ohne dabei allzu kulturpessimistisch klingen zu wollen, heute Kinder bereits vor der Pubertät gewisse, bei fast allen Menschen vorkommenden Körpermerkmale als „eklig“ empfinden und Körper nur noch in einer korrigierten Version akzeptabel finden. Da habe ich mir gemeinsam mit der Verlagslektorin die Frage gestellt, wie ein ungezwungener, kindgerechter Umgang mit einem Thema wie „Körperdiversität“, der Unterschiedlichkeiten nicht als defizitär, sondern als neugierig machend und bereichernd darstellt, aussehen könnte.

Bildpunkt: MOB steht für „Mode ohne Barrieren“. Ihr macht Mode für Rollstuhlnutzer_innen, für euch arbeiten verschiedene Designer_innen. Auf eurer Homepage heißt es, es gehe euch in eurer Modephilosophie „um die Entwicklung von Beziehungen, die von Bedeutung sind“. Wie stellt ihr solche Beziehungen her?

J.T.: Der vollständige Satz lautet: „Bei MOB geht es um making kin: Unsere Modephilosophie ist mehr als nur ‚Teil einer Familie‘ zu sein. Making kin betont eine Verbundenheit mit der Welt, die sich durch Nähe, Aktivität und Kontakt auszeichnet. Let’s make kin!“ Donna Haraways Begriff von Kin im Sinn von „Sippschaft“ betont das eigensinnige Sich-Verwandt- Machen. Sippschaften sind oft auch unübersichtlich, aber umfassen unterschiedliche Arten von Verbindlichkeiten. Kin hat etwas mit companion zu tun, einem anderen Begriff, der von der Denkerin geprägt wurde, und den man als Gefährt_innenschaft übersetzen kann. „Alleine machen sie Dich alle“, sagt man im norddeutschen Slang. Rollstuhlnutzer_innen sind selten allein. Um das auch signalisieren zu können, heißt eine unserer Passformen Companion Fit. Diese ist für Freund_innen und Liebhaber_innen, Gefährt_innen und Genoss_innen, Sympathisant_innen, Kumpel und Kumpan_innen, die nicht durch die Welt rollen. Für mich sind das positiv konnotierte Begriffe – im Gegensatz zu Inklusion. Da haben wir den Moment verpasst. Das verbinde ich mit Überpädagogisierung und Kampf, der an den Kräften zehrt. Companion und Kin hingegen haben etwas mit Symbiose und Symbiogenese zu tun: gegenseitige Bereicherung und gemeinsame Entwicklung.

Bildpunkt: Der Kampf gegen normierte und normierende Körperbilder steht seit Jahrzehnten auf der Agenda feministischer, queerer, anti-rassistischer und anti-ableistischer Bewegungen, zum Teil lange bevor diese Begriffe en vogue wurden. Inwiefern haben sich die Ziele, aber vielleicht auch die Machtverhältnisse über die Zeit verschoben?

S.E.: Ich würde sagen, dass es genau das ist, was passiert ist: Es gab Verschiebungen und Ausweitungen, aber keinen Bruch. Ich kann mich noch erinnern, wie Isabelle Graw sich in der Modeausgabe von Texte zur Kunst 2010 über die modelfreie Brigitte mokierte, in der ‚normale Frauen‘ wie eine Lehrerin oder Gastronomin als „Amateurmodels“ auftauchten und „die Stylisten/Stylistinnen mit wallenden, blumigen Gewändern (deren) Problemzonen zu überspielen (suchten), doch treten diese nur umso erbarmungsloser hervor“. Genau mit diesen von Graw als „Problemzonen“ betitelten Körpermerkmalen haben viele Designer:innen heute aber scheinbar viel weniger Probleme als noch vor einigen Jahren, als die Modewelt hauptsächlich von weißen, dünnen Frauenkörpern besiedelt schien. Heute ist es ganz ‚normal‘, wenn Designer:innen bei ihren Fashion Shows auch „Plus Size Models“ oder BPOC über die Bühne schicken oder auch mal Menschen mit einer sichtbaren körperlichen Behinderung. Ein Bruch ist das in dem Sinne aber nicht, als diese Models in der Regel erstens als Ausnahme fungieren, die die Cutting-Edge-Sensibilität des Labels unter Beweis stellen soll, und zweitens nur langsam die Gebote des Schönheitskanons ausdehnen, statt komplett mit ihnen zu brechen. So haben z.B. vermeintlich ‚dicke‘ Models meist das Durchschnittsgewicht der meisten Frauen in westlichen Industrienationen. Es wird in der Mode immer Normierungen und genaue Vorstellungen darüber geben, was schön oder zumindest noch ‚akzeptabel‘ ist, aber vielleicht sollte man sich tatsächlich schon darüber freuen, dass sich zumindest immer mehr Menschen innerhalb dieser Grenzen wiederfinden können.

Bildpunkt: Mit der Mode wird ja auch Selbst- und Fremdwahrnehmung fabriziert. Das wirkt nicht nur unterdrückend, sondern stiftet auch Gemeinsamkeiten und Zugehörigkeit. Welche Bedeutung hat diese Ambivalenz in eurer Arbeit?

J.T.: In den letzten Jahren hat zwar das Bewusstsein von Umweltbarrieren zugenommen, z.B. was die Zugänglichkeit von Verkehrsmitteln und Architekturen angeht, kleidungsbedingte Barrieren und damit verbundene Exklusionen werden aber meist übersehen. Bekleidung als wesentlicher Teil des persönlichen Erscheinungsbilds ist aber eine essenzielle Komponente des Selbstausdrucks. Menschen, die mit Be_hinderungen und Beeinträchtigungen leben, haben erhebliche Schwierigkeiten, zu passender Bekleidung für Beruf, Freizeit und besondere Anlässe zu kommen, was auch ihre gesellschaftliche Teilhabe erheblich einschränkt. Zur gesellschaftlichen Marginalisierung tritt so die Marginalisierung als Konsument_innen von Bekleidung hinzu. Dieser eklatante Mangel an angemessener Bekleidung steigert objektiv ihre Stigmatisierung und verringert subjektiv ihre Selbstwirksamkeitserwartung, d.h. die Erwartung einer Person, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen selbst erfolgreich ausführen zu können.

S.E.: Ich konzentriere mich in meiner Arbeit eigentlich mehr auf die positiven Effekte von Mode, weil sie ein ganz greifbares, fast allen Menschen verfügbares Mittel ist, sich täglich spielerisch in Bezug auf eigene Vorstellungen zu Fashions, Styles und Performanz zu befragen, aber auch vestimentäre Botschaften an die Umwelt zu senden. Was aber natürlich auch sofort Ambivalenzen mit sich bringt: Durch die Demokratisierung von Mode im Zuge der neuen Massenfertigungsmöglichkeiten nach der Industriellen Revolution und dann noch einmal in besonderen Ausmaß nach der Lockerung von Kleidungsvorschriften nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bzw. der Popkulturisierung der Welt ist es heute so vielen Menschen wie noch nie zuvor möglich, über Kleidung und Style Zugehörigkeit und Individualität auszudrücken und am eigenen Körper mit geringen finanziellen Mitteln mit Kreativität zu experimentieren. Andererseits geschieht dies auf Kosten von ausgebeuteten Arbeiter:innen, die in modernen Sweatshops (nicht nur) im Globalen Süden für Centbeträge Kleidung im Akkord nähen, die oft ungetragen weggeworfen wird und damit, wie auch ihre Produktion, massiv zur Umweltverschmutzung beiträgt.

Bildpunkt: Mode ist bei aller Vielfalt nicht ohne Industrie zu denken. Arbeitsverhältnisse, Lieferketten, ökologischer Fußabdruck – das läuft alles meist ausbeuterisch ab. Gibt es trotzdem ein emanzipatives Potenzial von Mode?

S.E.: Ja, natürlich, obwohl dieses im Angesicht der real existierenden Produktion von Mode heute stets einen bitteren Beigeschmack hat. Die Lösung dieses schier unlösbaren Problems kann meiner Meinung nach aber nicht in individuellen Selbstverbesserungssgeboten im Kapitalismus liegen, indem einzelne Konsument:innen nur noch „fair“ oder „bio“ kaufen, sondern es muss einen globalen Kampf für verbindliche Standards in der Produktion geben, der von allen Regierungen mitgetragen wird und nur gemeinsam mit den Textilarbeite – r:innen im Globalen Süden, die zum Teil jetzt schon beeindruckende gewerkschaftlichen Strukturen erschaffen haben, erreicht werden kann.

J.T.: Mode kann zu strukturellen Veränderungen beitragen, indem z.B. Arbeitsplätze für Menschen mit Be_hinderungen geschaffen werden, anstatt sie bloß über den Laufsteg laufen oder rollen zu lassen. Es geht für mich auch darum, neue, „vermischte“ Expert_innenschaften zu entwickeln. Bislang ist Design für Be_hinderungen von einer Kultur der „Probleme“ geprägt, die technisch-medizinisch oder bürokratisch-administrativ „gelöst“ werden. Ein größeres Gleichgewicht zwischen Problemlösung und spielerischer Exploration könnte neue, wertvolle Perspektiven eröffnen. Dies reicht von Allianzbildung mit der bildenden Kunst, die das Verhältnis von Körpern und Ästhetik schon lange befragt, bis zur Schaffung neuer Öffentlichkeiten. Die Gestaltung von Kooperationsformen und Austauschprozessen zwischen bislang getrennten Feldern, Sensibilitäten und Praxisformen halte ich für eminent politisch. Handlungsfähigkeit erwächst aus einem Geflecht von Dingen, Organisationsformen und Lebewesen. Dies bedeutet Handlungsmacht nicht bloß einzelnen genialen Held_innen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zuzusprechen, sondern von verteilter Akteurschaft auszugehen. Die Rolle von Menschen mit Be_hinderung auf allen Ebenen neu in den Blick zu nehmen, bietet reichlich emanzipative Potenziale – auch für das scheinbar „Nicht-Behinderte“.


Josefine Thom ist Unternehmerin und gründete 2019 gemeinsam mit Johann Gsöllpointner das inklusive Modelabel MOB Industries. Sonja Eismann ist Mitherausgeberin des Missy Magazine und lebt als freie Autorin in Berlin.

Das Gespräch wurde im September 2020 von Sophie Schasiepen und Jens Kastner per E-Mail geführt.