Moto Djali Jacke

 Foto: Anna Breit

Barrierefrei: Warum Mode noch längst nicht für alle ist – und wie sie das werden kann

von Magdalena Pötsch

Menschen mit Behinderung existieren als Zielgruppe in der Modebranche nicht – Warum nicht?

Mode ist keine Insel. Auch in der restlichen Gesellschaft gibt es meines Erachtens kaum Bereiche, in denen Menschen mit Behinderungen von vornherein mitgedacht werden. In der Modebranche hängt dies wohl auch mit dem höheren Anfangsaufwand zusammen. Das betrifft alle Aspekte und reicht von barrierefreien Zugängen zu Geschäftslokalen bis zu Fragen des Innendesigns, etwa: Wie hoch sind die Kleiderstangen? Kann man sich im Shop auch mit Rollstuhl easy bewegen? Hinzu kommt: Die für Normkörper standardisierten Größen funktionieren bei Menschen mit Behinderung_en oft nicht. Die Kleidung benötigt viel mehr Funktionen, andere Schnitte, Stoffe und Verschlusssysteme.

Was war der Gedanke, die Idee zur Gründung von MOB? Was/Wie wollt ihr die Modebranche verändern? Was ist euer Anspruch an euch selbst?

Die Idee ist persönlich motiviert. Meine ältere Schwester ist kognitiv und körperlich behindert. Stichwort: Mehrfachbehinderung. Mode war da immer Thema, das An- und Auskleiden schwierig. Ich hab‘ dann mal geschaut, ob es so etwas wie barrierefreie Mode schon gibt. Das war allerdings nicht wirklich zufriedenstellend, weil das alles eher defizitorientiert angelegt ist. Im Vordergrund steht nackte Funktionalität, Ästhetik spielt keine Rolle. Das war das eine. 
Zum anderen habe ich auch als persönliche Assistentin für Menschen mit Behinderung_en gearbeitet. Bei Kampagnen-Fotos habe ich oft gemerkt, dass da auch viel Disability Faking betrieben wurde – das heißt, dass gesunde Körper in den Rollstuhl gesetzt werden. Wir haben uns gedacht: Wir machen das anders, zeitgemäßer. Wir wollen aber keine Reha-, keine Rollstuhlmarke sein, sondern Mode für alle machen. Also haben wir ein inklusives, barrierefreies Modelabel gegründet, das in dieser Form weltweit einzigartig ist. Was uns dabei wichtig war: Selbstbestimmung fördern. Das gelingt etwa durch Magnetverschlüsse, die das An- und Auskleiden selbstbestimmt möglich machen. Wir wollen generell für das Thema Behinderung sensibilisieren. Damit Mode von Beginn an barrierefrei gedacht wird, wie das aktuell bei nachhaltiger Mode geschieht. Uns geht es auch darum avancierte Bildpolitiken zu schaffen, das ist auch ganz wichtig und auch neue sprachliche Umgangs- und Benennungsformen. Kurz: Dass man weggeht von diesem Opfer- und HeldInnen-Diskurs. Weg von diesem Othering und Disability Faking. Weg von ästhetischer Einhegung.

Sieht man sich Kampagnen von großen Modehäusern an, scheinen „Diversity“ und „Inklusion“ aktuell die Lieblingswörter in Werbeabteilungen zu sein. Schließlich lässt sich Inklusion zumindest als Werbebotschaft – gut kapitalisieren. Politische Bewegungen bekommen so oft einen Feel-Good-Vibe. Braucht es den, um das Thema „Inklusion“ an eine breite Masse zu bekommen? Wie ist da deine Einschätzung?

Im Sinne von „Awareness“ finde ich „Diversity“ und „Inklusion“ als Werbebotschaft prinzipiell gut. Der „Feel-Good-Vibe“ trägt dazu bei, dass diese Themen auf eine ansprechende Art und Weise repräsentiert werden. Das Problem ist aber, dass uns damit suggeriert wird, dass wir schon längst in einer diversen und inklusiven Gesellschaft leben. Diese trügerische Symbolkraft der Werbeindustrie zeigt uns aber nicht wieviele Kämpfe im Hintergrund geführt werden. Menschen mit Behinderung_en werden neuerdings zunehmend als Held_innen des Alltags inszeniert. Ihre traditionell negative Darstellung als machtlose Opfer oder positiv gewendete Inszenierung als ungeheure Held_innen sind aber nur zwei vereinfachende Seiten derselben Medaille.

Viel zu oft werden Menschen mit Behinderungen nur zur Erfüllung einer Quote herangezogen. Wie können Konsument*innen abschätzen, was bei manchen Firmen reiner Tokenism ist – und welche Firmen sich tatsächlich für Inklusion einsetzen?

Sollen Firmen Themen wie Inklusion aufgreifen und schlecht umsetzen – oder es lieber ganz sein lassen?

Diese Frage übersteigt meine Expertise. Ich bin weder Kulturtheoretikerin, noch Soziologin. Inklusion ist zudem ein weiter Begriff. Und Tokenism bezieht sich ja nicht nur auf ableistische, sondern auch auf sexistische oder rassistische Machtstrukturen. Was Mode angeht, kann ich nur den Tipp geben: Kauft Slow Fashion, statt Fast Fashion, unterstützt lokale Geschäfte statt Marktriesen. Achtet auf faire Produktion.

Wir von MOB glauben an das emanzipative Potenzial von Mode. Sie kann zu strukturellen Veränderungen beitragen, z.B. können Ausbildungs- und Arbeitsplätze im ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung_en geschaffen werden. Aber auch transdisziplinäre Teams, die nicht nur aus klinischen und technischen Bereichen kommen, können zukunftsweisend sein. Ein größeres Gleichgewicht zwischen Problemlösung und spielerischer Exploration könnte wertvolle neue Richtungen eröffnen. Dies reicht von Allianzenbildungen unterschiedlicher Disziplinen, z.B. mit Bildender Kunst, bis zur Schaffung neuer Öffentlichkeiten. Akteur_innenschaft als verteilt zu verstehen, sehe ich als ganz wesentlich an.

Ehrlich gesagt fällt mir im deutschsprachigen Raum nicht wirklich ein Mode-Unternehmen ein, dass sich für Inklusion einsetzt. Sie lassen es per se bleiben.

Welche Ziele habt ihr noch mit MOB?

Unser Ziel ist es nicht, „Diversity“ und „Inklusion“ ins Zentrum zu rücken, sondern die Diversität aktiver Identitäten. Die gesellschaftliche Realität, die Wünsche, die Ansprüche der Betroffenen, ihrer Angehörigen und Kontexte bezüglich angemessener Kleidung ist weitaus divergenter und nuancierter als man in der Regel zu sehen bekommt. Uns geht es um das ganze Spektrum: Von Jugendkultur-affiner Coolness bis hin zu dezent-eleganter Schickness versuchen wir ein Re-Arrangment von medizinischer und technischer Praktikabilität einerseits und individueller Lifestyle-orientierter Angemessenheit andrerseits —  und zwar ästhetisch wie situativ. Die aktuelle Dominanz monokultureller „Funktionskleidung“ wird der Diversität der Umstände und Ansprüche schlichtweg nicht gerecht. Beispielsweise arbeiten dank öffentlicher Förderungen immer mehr Frauen* mit Behinderung_en im öffentlichen Arbeitsmarkt. Trotzdem haben Frauen* mit nicht-normierten Körpern immense Probleme an bürotaugliche Kleidung zu kommen. Dies ist aber ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe, denn meist ist es das gesamte Erscheinungsbild, das einen Menschen als „anders“ markiert, nicht bloß der physische Eindruck körperlicher oder kognitiver Behinderung. Der Mangel an situativ probater und tauglicher Kleidung ist in weiterer Folge auch ein Hindernis für den beruflichen Aufstieg. Es gibt nicht nur gläserne, sondern auch textile Decken, die soziale Mobilität verhindern.

Wie müssen wir den Diskurs über Inklusion führen? Was muss sich ändern?

In gewisser Hinsicht hat der gesellschaftliche Wandel 2008 mit Inkrafttreten des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderung_en einen Höhepunkt erreicht: Die UN-Behindertenrechtskonvention beinhaltet insgesamt 41 Regelungen und Bestimmungen.  Inklusion, Teilnahme am kulturellen und öffentlichen Leben, Arbeit und Beschäftigung sowie unabhängige Lebensführung sind nur einige davon. Es handelt sich hierbei aber um sogenannte „soft laws“. Bei ihrer Nicht-Einhaltung sind die Konsequenzen verhältnismäßig gering. In Österreich gibt es beispielsweise keine Behörde oder Einrichtung, die die Barrierefreiheit in Unternehmen kontrolliert. Daher gibt es auch keine Strafen. Der der Staat Österreich Barrierefreiheit nicht per Gesetz anordnen kann, lösen das die einzelnen Ländern mit ihren jeweiligen Bauordnungen. Wünschenswert wäre auch, wenn Barrierefreiheit für Unternehmen, Kulturinstitutionen, Gastrolokale etc. staatlich gefördert werden würde. Eine architektonische Baumaßnahme allein, wie z.B eine Rampe, führt uns noch längst nicht zu einer inklusiven Gesellschaft. Es ist ein Anfang, mehr nicht. Wir müssen lernen gemeinsam solidarisch zu streiten — Menschen mit und ohne Behinderungen.

Dazu gehört ein Diskurs über Ableismus. In meinem letzten Gespräch mit der Schauspielerin und Rollstuhlfahrerin Yuria Knoll beklagt sie, dass viele Behinderte Ableism regelrecht internalisiert haben. D.h. sie haben sich damit abgefunden, eine Belastung für die Gesellschaft zu sein — nach dem Motto „Danke, dass ich überhaupt hier sein darf.“

Ein anderes Problem ist die Tendenz zur Individualisierung, statt strukturelle Verhältnisse aufzubrechen. Yuria erzählt mir von einem Beispiel, wo Rollstuhlnutzer_innen darüber diskutiert haben, ob eine Gehbehinderung schon Grund genug sein soll für einen Behindertenparkausweis. Thats the point:  Wichtiger wäre es doch mehr Behindertenparkplätze zu schaffen! Menschen mit und ohne Behinderung_en, die sehen, dass da schon wieder jemand grundlos den Parkplatz besetzt, könnten einfach viel öfter den Abschleppdienst rufen oder die betreffende Person darauf aufmerksam machen.

Wir müssen uns bewusst werden, dass Behinderung kein individuelles Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Und wir müssen zulassen, dass es eine breite Palette vielschichtiger Zugänge gibt. Inklusion ist nicht nur ein Bildungsauftrag mit Tendenz zur Überpädagogisierung, sondern kann auch wild, experimentell oder spielerisch sein.


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